Telematikinfrastrukur – mit Zwang zum Erfolg?

Nach der Europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) dürfte die Telematikinfrastruktur (TI) das nächste große Thema im Jahre 2018 für alle Arztpraxen sein. In unserem heutigem Blogbeitrag werfen wir daher einen Blick auf die TI und geben unseren Kunden am Ende auch eine klare Empfehlung.

Wozu gibt es die Telematikinfrastruktur?

Nun stellen wir uns ma‘ dumm und fragen, wat is ’ne Telematikinfrastruktur!
Kurz gesagt: Über die TI können Ärzte, Kliniken, Apotheken und Krankenversicherungen Daten über ein besonders geschütztes Netz austauschen. Dazu gehören neben Versichertenstammdaten auch Arztbriefe, Befunde, Medikationspläne und weitere Inhalte der Patientenakte.

Die Teilnahme an der Telematikinfrastruktur wird für alle Arztpraxen zum 01. Januar 2019 verpflichtend. Nimmt eine Praxis nicht an der TI teil, so kürzen die Krankenversicherungen die Vergütungen um 1%.

Wie funktioniert die Telematikinfrastruktur?

Das nachfolgende Schaubild zeigt den groben Ablauf:

Telematikinfrastruktur

Jede Arztpraxis verfügt über einen „Konnektor“ – dahinter steckt ein fertig konfiguriertes VPN-Gateway – und ein Kartenterminal für die elektronische Gesundheitskarte. Mit einem Praxisausweis wird jede Praxis eindeutig identifiziert und die Berechtigung erteilt, auf das VPN-Netz zuzugreifen.
In unserem Beispiel liest die Hausärztin die elektronische Gesundheitskarte des Patienten ein. Dank „Konnektor“ werden die Daten auf der Versichertenkarte automatisch mit der Krankenversicherung abgeglichen und z.B. Adressänderungen des Patienten auf die Karte geschrieben. Somit wäre die Plastikkarte immer up-to-date.

Weiterhin kann die Hausarztpraxis auch einen elektronischen Arztbrief für einen Facharzt über die TI freigeben und elektronisch signieren. Der Facharzt ruft diese Post dann komfortabel über seine Praxissoftware ab und pflegt sie in seine eigene Patientenakte ein.

Ist doch prima, oder?

Für unser Beispiel aus dem Schaubild spinnen wir mal folgende Situation: Die Hausärztin überweist einen Patienten zum Facharzt und stellt die nötigen Unterlagen für diesen Patienten über die Telematikinfrastruktur bereit. Bis der Patient seinen Termin beim Facharzt wahrnehmen kann, geht die Hausarztpraxis in Urlaub. Damit werden auch der Praxisserver und der Konnektor abgeschaltet. Nun wäre es fatal, wenn die Vorteile der TI am Urlaub eines Teilnehmers scheitern. Folglich werden also die bereitgestellten Unterlagen zentral beim Betreiber der TI gespeichert.

Diese zentrale Speicherung wirft leider mannigfaltige Fragen auf: Wie sind diese Daten geschützt? Wer außer dem Facharzt hat noch Zugriff die bereitgestellten Patientendaten? Die Krankenversicherung? Jeder, der die elektronische Gesundheitskarte des Patienten einliest? Letzteres wäre doch fatal, denn was geht dem Zahnarzt das Röntgenbild vom Kniegelenk des Patienten an?! Auch die Krankenversicherung darf nicht alle Daten frei Schnauze durchforsten!

Weiterhin macht uns auch das planerische Gesamtkonzept Sorgen. Man bedenke: 99% aller Praxissoftware läuft ausschließlich unter einem unsicherem, weil ungehärtetem, Windows. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein virenverseuchter Praxis-PC nicht nur die Daten der eigenen Patienten ausliest und cryptet, sondern auch gleich im VPN-Netz weitermacht!

Noch mehr Probleme? Ja, leider… So berichtet das Online-Portal DocCheck.com über zahlreiche Probleme bei der Installation, inkompatible Hardware, Systemabstürze und überlastete Hotlines.

Kosten der Telematikinfrastruktur

Zur Zeit gibt es nur zwei zugelassene Systeme, die den Zugang zur TI ermöglichen. Die Anschaffungskosten für den Konnektor, das Kartenterminal und die nötige Software liegen je nach System zwischen 2.500,00 € und 3.200,00 €.

Dazu kommt der Praxisausweis, der bei der Bundesdruckerei bestellt werden muss. Preis ca. 600,00€.

Damit nicht genug, muss auch eine monatliche „Grundgebühr“ für den VPN-Zugang bezahlt werden. Das macht nochmal rund 77,00 bis 85,00 € jeden Monat aus. Noch… denn da nur zwei Anbieter den Markt dominieren dürfen, schätzen wir, dass diese Gebühren in den nächsten Jahren signifikant steigen werden.

Die gute Nachricht: Arztpraxen mit Kassenzulassung erhalten eine Erstattung für ihre Ausgaben. Doch auch hier gibt es einen Haken: Die Höhe der Erstattung richtet sich nach dem Zeitpunkt der ersten Inbetriebnahme des TI-Gedöns. Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie viel Sie von der KBV erwarten dürfen.

Quartal der erstmaligen Nutzung Vergütung in EURO
Praxis bis 3 Ärzte Praxis 4 bis 6 Ärzte
02.2018 2.344,98 € 2.779,98 €
03.2018 2.154,00 € 2.589,00 €
04.2018 1.982,00 € 2.417,00 €

Nur als Anmerkung: Ein vernünftiges VPN-Gateway verkauft IWT-Engelmann für rund 600,00€. Das Kartenterminal liegt preislich ähnlich.

Fazit

Klar, wer wartet, der zahlt drauf. Aber warum sollte man Geld für eine Sache ausgeben, die nicht zuverlässig funktioniert und bei der viele Fragen – gerade zum Thema Datenschutz! – offen bleiben?

Privatpraxen können die Telematikinfrastruktur getrost links liegen lassen, denn diese bekommen keiner Erstattung von der KBV, noch müssen sich die Ärzte über die 1% Abzug ärgern.

Auch kleinere Praxen sollten mit äußerst spitzen Bleistift rechnen. Bei 1% Abzug Ihrer Gebühren bekommen Sie z.B. bei einem Ultraschall 3 Cent weniger. Bedenken Sie: Es sind nicht nur die einmaligen Anschaffungskosten für Hard- und Software, sondern auch monatliche Gebühren, die Sie als Praxisinhaber tragen müssen. Außerdem investieren Sie Zeit und Nerven in eine ganz und gar unausgereifte Sache…

Bei großen Praxen und Kliniken macht die Sache vielleicht eher Sinn. Allen anderen empfehlen wir das Warten. Warten auf bessere Technik, Warten auf weitere Zulassungen, Warten auf echten Wettbewerb im TI-Markt.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die witzige Karte in unserem Briefkasten. Dieser Beitrag hat uns bestärkt,die Telematik vorerst nicht umzusetzen. Wie würde denn aus Ihrer Sicht ein richtiges Gesamtkonzept aussehen für die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation?

    • Hallo Frau Dr. Gieler,
      bei der Datenübermittlung von Arzt zu Arzt sollte die Verbindung Ende zu Ende verschlüsselt sein. Zahlreiche Messenger, wie z.B. Signal oder Telegram, machen es ja vor.
      Viele Grüße Ute und Andre Engelmann

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