Social-Bashing – Schelte in sozialen Netzwerken

Wütender Dackel
Foto: Andre Engelmann

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Sie stehen in der Schlange an der Kasse und hören, wie sich das Paar vor Ihnen unterhält. Auf die Aussage des Herren vor Ihnen, dass dieser die Mund-Nasen-Maske für unsinnig hält, blaffen Sie dazwischen: „Bei dem Gesicht kannst Du froh sein, eine Maske tragen zu dürfen, Du Eierkopp!“

Was würde wohl als nächstes passieren? Ich persönlich würde direkt mit einer Spitze gegen Sie antworten oder Ihnen wahlweise Ihren Einkaufswagen in den Bauch rammen. Vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge 😉

Nun würde eine solche Situation in der Realität höchst selten vorkommen. Man mag zwar o.g. denken, aber nicht ausführen, da die Hemmschwelle dafür viel zu groß ist und auch weil direkte Konsequenzen drohen.

Bashing auch ohne Anonymität

Anders verhält sich dies in sozialen Netzwerken, wie z.B. Facebook. Für das sog. Bashing bedarf es nicht einmal mehr einer Anonymität. Ich erlebe es oft, dass Personen, die bei Facebook mit ihrem Klarnamen auftreten, sich zu Beleidigungen und Gewaltandrohungen hinreißen lassen.

Ein kleines und harmloses Beispiel: Ich bin bei Facebook in einer Gruppe aktiv, die extreme Rechtschreib- und Grammatikfehler sammelt, diese kommentiert und sich oft auch darüber lustig macht. In diese Gruppe stellte ich nun einen Screenshot aus eBay-Kleinanzeigen ein, der nur so vor Fehlern strotzte. Bereits nach kurzer Zeit zeigte sich jedoch jemand mit der Verfasserin des Fehlertextes solidarisch, unterstellte, dass die Person keine Deutsche sei und warf mir indirekt vor, mich über Ausländer zu belustigen. Als ich versuchte, seine These mit Verweis auf den eindeutig deutschen Benutzernamen der Verfasserin zu widerlegen, wurden schwerere Geschütze gegen mich aufgefahren.

Zitate:
Jemand:
Sie ist offenbar keine Deutsche und hat Problem mit der Sprache. Darüber kann ich mich nicht lustig machen, dafür habe ich nur Mitgefühl.

Ich:
Dass sie Probleme mit der Sprache hat, ist offensichtlich. Gebürtige Deutsche dürfe Madame hingegen sein, da ihr gewählter Nutzername im Ausland eher selten wäre.

Jemand:
Gewählte Nutzernamen bedeuten gar nichts. Es heißt übrigens ‚dürfte‘. Siehst du?

Ich:
Danke für den Hinweis zum Rechtschreibfehler.
Aber reine Spekulationen über die Herkunft der Verfasserin bringen uns nicht weiter und generieren an dieser Stelle nur unnötiges Konfliktpotential.

Jemand:
*Hinweis auf den, nicht ‚zum‘.
Sätze soll man außer in der Umgangssprache nicht mit Aber, Oder, Und anfangen.
Wenn Sie schon so daherkommen, sollte Ihr Deutsch einwandfrei sein. Konfliktpotenzial gibt es überall, davor sollten wir uns aber nicht fürchten.
Sie sind bei den Piraten? Ich hoffe, die sind nicht alle so.

Ich:
Wow… Jetzt bin ich schwer beeindruckt!
Ich fürchte keinen Konflikt. Ärger ist mein zweiter Vorname…
Aber ich habe eine Abneigung gegen *unnötige* Konflikte. Damit sollte wohl an dieser Stelle „Schluss“ sein!

Ziemlich kindisch, oder? Und dies war nur ein Streit unter gemäßigten Menschen…
Aber dieses kleine Beispiel zeigt den typischen Ablauf eines Streits in einem sozialen Netzwerk.

Ergänzend zum Hauptthema (dem eigentlichen Fehlertext) wird eine These aufgestellt (Person ist keine Deutsche). Gleichzeitig wird um Solidarität geworben (ich habe Mitgefühl). Es folgt eine Gegenthese (doch, scheint Deutsche zu sein – siehe Benutzername).

Eigentlich sollte an dieser Stelle die Diskussion beendet sein, da beide Seiten für ihre Sicht der Dinge keine weiteren Argumente hervorbringen können. Der strittige Sachverhalt kann gar nicht eindeutig geklärt werden.

Diese Tatsache möchte mein Gesprächspartner nicht akzeptieren bzw. nicht realisieren. Er bringt ein sinnloses Gegenargument und prangert einen Rechtschreibfehler meinerseits an. Nun hätte ich natürlich beleidigt schweigen können oder einen Fehler im Gegenüber suchen können. Stattdessen bedanke ich mich für seinen Hinweis und weise auf die Sinnlosigkeit dieses Streits hin.

Abermals holt das Gegenüber zum Gegenschlag aus. Prangert an und baut noch eine kleine Beleidigung in Bezug auf meine Mitgliedschaft in der Piratenpartei ein. Jegliche misszuverstehende Rückkopplung meinerseits hätte nun diesen Streit zur endgültigen Eskalation gebracht. In einem ersten Impuls wollte ich tatsächlich ebenfalls eine Beleidigung aussprechen, besann mich dann jedoch eines Besseren und machte „Schluss“.

Im Endeffekt war dies die richtige Entscheidung. Die anfängliche Solidarität der Gruppe mit dem Streitverkünder wendete sich am Ende gegen diesen.

Mein Rat an dieser Stelle: Bevor man auf eine Bemerkung antwortet – erst einmal tief durchatmen und überlegen, was man erreichen möchte. In sozialen Netzwerken dürfen Sie sich gerne mehrere Stunden Zeit für eine Antwort lassen und müssen nicht direkt antworten. Dies ist ein großer Vorteil gegenüber der erfundenen Szene im Supermarkt.

Wir haben doch keine Zeit…

Nur… warum lassen sich die Menschen dann keine Zeit zum Überlegen? Warum schreiben sie direkt auf, was sie denken? Warum gibt niemand nach?

Nun, ich bin kein Psychologe, sondern Informatiker. Über mögliche Antworten kann ich daher nur mutmaßen. Aber versuchen wir es dennoch.

In sozialen Netzwerken steht man seinem Gesprächspartner nicht gegenüber. Man kann sie oder ihn weder sehen, noch die Stimme am Telefon hören. Damit fallen Mimik, Gestik und Tonfall als Rückkopplung weg.

Dies senkt die Hemmschwelle, seine Gedanken frei heraus in die Tastatur zu erbrechen. Dieser Vorgang muss schnell gehen, denn zum einen will man seine Meinung sagen und zum anderen blinkt da schon wieder die Glocke und versorgt einen mit Updates anderer Artikel, denen man folgt oder die man kommentiert hat. Und irgendwann muss man sich neben Facebook auch um die wirklich wichtigen Dinge kümmern.

Es entsteht ein „Zeitdruck“. Zeitdruck sorgt für Stress. Unter Stress reagieren Menschen anders, als in einem Zustand der Entspannung. So wird die Impulskontrolle heruntergefahren und eben schnell geantwortet. Dies teilweise ohne Rücksicht auf den Sinn der Antwort und ohne Betrachtung möglicher Konsequenzen. Lieber noch rasch eine Spitze gegen den Gesprächspartner einbauen, als das Gelesene zu reflektieren. Ohne Reflexion sind logische Schlussfolgerungen kaum möglich.

Dies erzeugt eine Spirale immer schneller werdender Schlagabtausche, bei denen das ursprüngliche Streitthema immer weiter in den Hintergrund rückt. Am Ende wird eben notfalls mit Gewalt gedroht. (Siehe dazu auch den Artikel: Verschwörungstheorien und Fake-News – auch eine Frage der IT-Sicherheit).

Finger weg von Social-Media?

Sollte man sich also aus Schutz vor Streit und Diffamierung von sozialen Netzwerken fernhalten oder diese ausschließlich passiv nutzen? Nein – soziale Netzwerke sind ein Mittel der schnellen Nachrichtenverbreitung, ein Mittel zur freien Meinungsbildung und ein Mittel zur Kommunikation über regionale Grenzen hinaus. Ein aktives Antworten auf Beiträge erlaubt zudem den Austausch und die Organisation mit Gleichgesinnten. Es gibt keinen Zwang soziale Netzwerke zu nutzen, aber es macht durchaus Spaß sich darin zu tummeln.

Auf die Fahne schreiben sollte man sich allerdings Zeit zum Nachdenken über die Inhalte, bevor man darauf antwortet. Selbst kleinste Smileys können von weniger vernünftigen Personen völlig missverstanden werden. Ein lachendes Gesicht 😀 wurde schon oft mit „was?! Du lachst mich aus?“ verstanden, dabei gab es einen völlig anderen Grund zur Belustigung.

Wie man mit derartigen Reaktionen umgehen kann, zeigt eine Videopräsentation von Michael Kreil, Erlehmann und Linus Neumann. Sie hatten die Webseite „re:fefe“ aus der Taufe gehoben und beobachtet, was in den Kommentaren passierte. (https://www.youtube.com/watch?v=ZG4FawUtYPA)

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass das Ausbleiben der beabsichtigten Gegenreaktion die Wahrscheinlichkeit künftiger Fehlverhalten senkt.

Soll heißen: Jemand beleidigt Sie? Dann nehmen Sie es mit Humor. Jemand hat eine von Ihnen völlig abweichende Meinung? Untermauern Sie Ihre Sicht und beenden Sie die Diskussion, sobald Ihr Gegenüber in Sinnlosigkeit verfällt. Der Hinweis darauf ist selbstredend erlaubt.

Und abschließend wiederhole ich nochmals meinen ersten Rat: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Antworten. In sozialen Netzwerken dürfen Sie sich gerne mehrere Stunden Zeit für eine Antwort lassen und müssen nicht direkt antworten.

Ich weiß: Dies alles fällt schwer.

Herzlichst
Ihr Andre Engelmann

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*